
Der FAZ-Journalist Justus Bender hat mit seinem Buch „Deutschland 2033. Ein Szenario“ dieses Jahr einen Bestseller veröffentlicht. Es geht um eine Dystopie, die sieben Jahre in der Zukunft angesiedelt ist.
Im Jahr 2033 erhält die AfD unter Alice Weidel 36% der Stimmen und die Union unter Jens Spahn 31%. Beide koalieren miteinander und Weidel wird Kanzlerin. In der Ukraine tobt weiter der Krieg und Russland ist auch im Baltikum eingefallen. Die AfD-Union-Koalition setzt trotzdem die Ukraine-Hilfen ab und etabliert ein strenges (Re-)Migrationsregime. Nach wenigen Monaten verlässt die Union die Regierung wieder und zurück bleibt eine geschäftsführende AfD-Regierung. Doch AfD und Union hatten in ihrer kurzen Regierungszeit die Volksabstimmungen eingeführt. Mit Hilfe dieser setzt die AfD zum Beispiel die Dezimierung der öffentlich-rechtlichen Medien durch.
Die AfD arbeitet zur Durchsetzung ihrer Ziele auch mit allerlei Tricks. Hans-Georg Maaßen wurde zum Generalbundesanwalt ernannt und setzt ein neues Gesetz gegen Falschmeldungen gegen den seriösen Journalismus ein. Bender schreibt mehrmals vom Entstehen eines „Maßnahmenstaat“, ein Begriff der auch in der Faschismus-Forschung immer wieder auftaucht.
„Innerhalb weniger Monate ist Deutschland ein Land geworden, in denen Menschen unter mysteriösen Umständen in Abschiebezentren sterben, die freie Presse durch Ermittlungen eingeschüchtert sterben und Rechtsextremisten als Spitzenbeamte eingeschleust werden.“
(Seite 187)
Zum Schluss wird beschrieben wie Weidel als „Volkskanzlerin“ mit Hilfe von Kommunikation und Volksabstimmungen regiert und sich auch von Teilen ihrer Partei entfremdet hat.
Bender beschreibt den möglichen Weg und die Gründe, die zu dieser Machtübernahme der AfD führten. Er macht u.a. das Internet verantwortlich, denn das Internet hat die Debattenkultur stark verändert. Plötzlich finden zum Beispiel isolierte rechte Gleichgesinnte zueinander. Gleichzeitig verstärkt es eine Emotionalisierung von Politik. Es entstehen Defekte in der politischen Kultur und ein Meinungsklimawandel setzt ein. Der Weg der AfD zur Macht war dabei eine schleichende Erosion: „Denn es gab keinen großen Bruch. Es war eine jahrelange Erosion. Kein einzelner Schritt in dieser langen Kette von Ereignissen war für sich genommen unwahrscheinlich oder unglaublich.“ (Seite 208)
Er beschreibt das bei Rechten dominante Untergangsgefühl, was sich allerdings von linken Vorstellungen unterscheidet: „AfD-Anhänger waren durchaus offen dafür, dass die Welt bald untergehen könnte. Sie wollten den Linken nur nicht ihren Weltuntergang glauben, sie hatten ihren eigenen […].“ (Seite 127)
Das Buch enthält die kluge Erkenntnis dass wir nicht wirklich wissen wie schlimm die AfD als Regierung sein wird und sie selbst weiß es auch nicht. Es gibt laut Bender kein planvolles Vorgehen der AfD, sondern viele Widersprüche und Reagieren. Die Regierung Weidel betreibt in seinem Szenario eine planlose Affekt-Politik ala Trump, auch wenn sie kluge Trick einsetzt.
Diese Erkenntnis betrifft auch die AfD heute. Bender schreibt: „Die AfD ist Schrödingers Katze. Ihre Geschichte hat gezeigt, dass sie eine unbestimmte Partei ist. Sie ist verfassungskonform und sie ist verfassungswidrig.“ (Seite 238)
Das macht ein Verbot der AfD ungemein schwer. Verbots-Befürworter*innen argumentieren mit tausenden Zitaten von AfD-Politiker*innen, doch ist das im Grunde zu wenig um ein „planvolles Vorgehen“ zu beweisen, was es für ein Verbot bräuchte. Der fehlende Masterplan im Hintergrund mindert nicht die Gefährlichkeit der AfD, es macht sie aber unbestimmter. Genauso wie die AfD einen neuen Parteien-Typus darstellt so lässt sich auch ihren Anhänger*innen nicht mit alten Mitteln beikommen. Der Autor beschreibt im Buch die Entzauberung der Strategie der Entzauberung. Mit klugen Argumenten, Entlarvung und Logik sind die AfD-Fans nicht zu überzeugen. Eine Erfahrung, die wir aktuell sehr deutlich machen. Argumente besiegen leider keine Affekte. Schlussendlich argumentiert Bender dass man die Partei-Anhänger*innen von den Partei-Politiker*innen trennen müsse, indem sie anders angesprochen werden.
Das Buch ist eine Mischung aus Dystopie und essayistischen Ausführungen zur AfD und deren Erfolg. Manche davon nehmen sich seltsam aus wie die seitenlange Erläuterung zur Vorurteils-Mobilisierung am Beispiel von Rothaarigen.
Wer die detailreiche dystopische Schilderung einer AfD-Herrschaft erwartet, wird eher enttäuscht sein. Manche Abschnitte haben dazu ihre Längen und nicht in allem würde der Rezensent Bender zustimmen. Trotzdem ist es mal ein anderer Versuch die AfD zu analysieren, quasi aus der Zukunft heraus.
Justus Bender: Deutschland 2033. Ein Szenario, München 4. Auflage 2026.