
Die kritische Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte kann schmerzhaft sein. Für Traudl Bünger, Jahrgang 1975, war sie es unzweifelhaft. In ihrem 2024 erschienenen Buch „Eisernes Schweigen – Das Attentat meines Vaters. Eine deutsche Familiengeschichte“ beschäftigt sie sich mit der Biografie ihres Vater, Heinrich Bünger (1935-2016). Dieser war ein deutschnationaler Rechtsterrorist.
Nach dem Tod ihres Vaters im November 2016 beginnt sie zu recherchieren. Es wird zu einer Reise in die Vergangenheit ihrer Familie.
Ihr Vater Heinrich Bünger und sein Zwillingsbruder Fritz waren in den Südtirol-Terrorismus verstrickt. Bei diesem Terrorismus in den 1960er und in den 1980er Jahren kämpften Separatisten dafür dass die mehrheitlich deutschsprachige Provinz im Norden Italiens mehr Autonomie bekommt oder gleich die komplette Unabhängigkeit. Dabei kam es auf beiden Seiten zu Toten. Durch Sprengstoffanschläge, Schusswaffeneinsatz oder Folterungen durch die italienische Polizei. Es war ein, im Verhältnis gesehen, kleinerer separatistischer Konflikt in Europa, der bei heute zumeist wieder in Vergessenheit geraten ist. Die deutschsprachige Bevölkerung Südtirols war seit Mussolinis Herrschaft einer aggressiven Italienisierungs-Politik ausgesetzt. Gleichzeitig ist bis heute unter deutschsprachigen Südtiroler*innen ein starker Deutschnationalismus weit verbreitet. Fatal wirkte sich auch aus, dass deutschnational motivierte extreme Rechte aus Westdeutschland und Österreich in dem Konflikt mitmischten. So auch der Vater und der Onkel der Autorin. Beide waren sowohl im später verbotenen „Bund Nationaler Studenten“ aktiv als auch Mitglied der Burschenschaft der Raczeks zu Bonn.
Beide beteiligten sich an einer Anschlagsserie in Italien. Ein weiterer Beteiligter war Manfred Schröder. Schröder war bereits in Paris an einem antikommunistischen Anschlag auf ein linkes Kino im Auftrag des „Organisation de l’armée secrète“ (OAS) beteiligt.
Später kamen noch Peter Kienesberger aus Südtirol und Norbert Burger, ein bekannter Neonazi, aus Österreich hinzu.
Im Oktober 1962 begaben sich vier Personen über Österreich nach Italien mit Sprengstoff im Gepäck. Durch einen dabei am 20. Oktober 1962 in Verona gelegten Sprengsatz in der Gepäckaufbewahrung wurde der Bahnarbeiter Gaspare E. tödlich verletzt. Vermutlich war dieser Tod unbeabsichtigt, weil die Zeitschaltung versagt hatte. Eine in Bozen/Bolzano gelegte Bombe wurde zwar vor einer Schule am Eingang gefunden, könnte auch aber von der italienischen Polizei absichtlich verlagert worden sein.
Alle vier kehren unbehelligt nach Westdeutschland zurück und arbeiten an ihren bürgerlichen Karrieren.
Ihr Onkel, Manfred Schröder und ein Frank Berger reisten im April 1963 sogar erneut nach Italien und legen Sprengsätze an den Bahnhöfen in Genua und Mailand und an Tankstellen in Cesano Maderno und in Como. Diesmal stirbt niemand aber mehrere Personen werden bei Löscharbeiten verletzt.
Scheint es erst so als ob ihr Vater und dessen Bruder davon kommen, so werden im Juli 1966 Haftbefehle gegen die Beteiligten erlassen.
Ihr Onkel entzog sich dem Zugriff der Polizei am 19. Juli 1966 und flieht ins Apartheid-Südafrika. Erst in den 1980 er Jahren kehrt er zurück. Ihr Vater dagegen landete in Untersuchungshaft und wurde im Januar 1967 nach sechs Monaten aus der U-Haft entlassen. In einem ersten Prozess gab es für die Angeklagten Freisprüche. Auch deswegen, weil sich die Beschuldigten, wie Traudl Bünger gut nachweist, zur Falschaussage verabredeten.
Allerdings wurde ihr Mittäter Manfred Schröder später bei einer Anschlagsserie in der DDR ertappt und verhaftet. Einer erpressten Aussage folgt ein Schauprozess. Seine Aussagen und das Urteil gegen ihn wurden in der Stasi-Aktion „Internazi“ als Propagandamaterial gegen die westdeutsche Regierung verwendet. Regisseur dieser Propaganda-Aktion war Albert Norden (1904-1982), ein hochrangiges Mitglied der Partei- und Staatsführung der DDR. Statt nur Behördenversagen und rechtsterroristische Netzwerke anzuprangern wurde von ihm auch ein Bezug zur westdeutschen Regierung konstruiert.
Solange Schröder in einem DDR-Knast saß, konnte er vor den westdeutschen Ermittlungsbehörden nicht aussagen. Allerdings wurde Schröder im Dezember 1974 nach Westdeutschland abgeschoben. Dadurch gibt es neue Ermittlungen und im Mai 1975 wurde Heinrich Bünger erneut verhaftet. Nach einem acht Monate langen Verfahren wurde er zu drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Alle Verurteilten gingen in Revision.
Wie Traudl Bünger heraus arbeitet agierte im Hintergrund dieses Prozesses eine Lobby für die Angeklagten, die bis in die CSU und die österreichische Regierung hinein reicht. Einerseits gab es viele Sympathien für die Südtirol-Terroristen, andererseits befürchtete man ein Wiederaufflammen des Konflikts. Genau das suggerierte zumindest der Anwalt von Peter Kienesberger.
Das Urteil gegen Heinrich Bünger wurde im Februar 1982 Urteil vom BGH aufgehoben und im Oktober 1982 wurde ein Folge-Verfahren eingestellt.
„Schuld ohne Sühne“
Traudl Büngers Vater bleibt Zeit seines Lebens in der extrem rechten Szene verhaftet: „Mein Vater war bis an sein Lebensende rechtsradikal.“ (Seite 354)
Trotzdem beschreibt die Autorin wie sie ihren Vater auch als liebevollen und loyalen Vater erlebt hat.
Doch warum wurde aus der „Tochter eines Rechtsradikalen“ (Seite 31) nicht selber eine extreme Rechte? Diese Frage wirft Traudl Bünger auf. Sie sieht das universelle Mitleid ihrer Mutter mit allen Menschen als Gegengift. Vermutlich war es aber auch eine gewisse Toleranz ihres Vaters seiner Tochter gegenüber. Denn sie berichtet wie sie von diesem zwar in ihrer Jugend auf Lager der extrem rechte „Bund Heimattreuer Jugend“ geschickt wurde, es ihr aber dort nicht gefällt und ihr Vater diesen Versuch aufgibt.
Die ganze Geschichte ist ziemlich verwickelt: Rechtsextreme, ein separatistischer Konflikt, die Stasi, der Verfassungsschutz, die österreichische Regierung, die Landesregierung von NRW etc. Aber die „bekennende Archiv-Nerdin“ schafft es mit ihrer „Hartnäckigkeitssuperpower“ dieses Knäuel für die Leser*innen zu entwirren. Dabei ist sie ehrlich und selbstkritisch. Ein Teil des Buches besteht aus fiktiven so-könnte-es-gewesen-sein-Texten, die sie aber kennzeichnet und deren Logik sie im Anschluss erläutert.
Nur an einer Stelle verlässt die Autorin ein wenig ihre Gabe zur Schlussfolgerung. Sie fragt sich, warum ihr Vater rechtsextrem geworden ist und findet keine zufriedenstellende Antwort auf diese Frage. Dabei findet sich eine nahe liegende Antwort. Er trat als junger Student der Burschenschaft der Raczeks zu Bonn. Offenbar unterschätzt sie die ideologische Prägekraft der Burschenschaft auf junge Männer.
Das Buch liest sich gut und ist durch seine persönliche Perspektive anders als viele anderen Werke im Themenbereich Rechtsextremismus. Zudem thematisiert es ein eher unterbelichtetes Kapitel im Bereich des Rechtsterrorismus.
Traudl Bünger: Eisernes Schweigen – Das Attentat meines Vaters. Eine deutsche Familiengeschichte, Köln 2024.
*** Ergänzung des Rezensenten ***
Ich hab nochmal in meinem eigenen Archiv nach den Bünger-Brüdern gesucht und sie gefunden:
Heinrich Bünger trat 1956 der Burschenschaft der Raczeks zu Bonn bei und war bis in die 2000er Jahre der sogenannte „Schlesienbeauftragte“ des Altherrenverband der Raczeks.
Er gründete und leitete ab 1974 die „Gesellschaft für kulturelle Auslandsarbeit“, eine ‚Deutschtums-Agentur‘.
In der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF) Nr. 13/2025 findet sich eine kritische Rezension des Buches von einem ‚Gerald Danner‘. Unter diesem Namen wurde bisher kein weiterer Text in der JF veröffentlicht. Es handelt sich mutmaßlich um ein Pseudonym.
Die Rezension offenbart Insider-Wissen und klingt stellenweise sehr persönlich. Die Vermutung liegt nicht fern dass sie von dem Onkel von Traude Bünger, von Dr. Fritz Bünger, stammen könnte. Er ist auf jeden Fall JF-Leser wie ein Leserbrief von ihm in der Ausgabe Nr. 33/2020 zeigt.