
Veronika Kracher hat ihr neues Buch „Bitch Hunt“ veröffentlicht. Die Autorin schreibt in der Einleitung: „Was dieses Buch hauptsächlich behandelt wird, ist die Frage, wie antifeministische AkteurInnen digitale Räume gezielt nutzen, um misogyne Ressentiments zu bedienen und anzufachen, zum Beispiel durch die gezielte Verbreitung von Desinformationen.“ (Seite 18)
In Misogynie (Frauenhass) sieht sie ein „Straf- und Kontrollmechanismus des Patriarchats“ (Seite 48).
Sie erläutert in ihrem Buch den Prozess von shitstorms und die dahinter liegenden Denklogiken, von trolling und Cyber-Mobbing. In der (koordinierten) „digitalen Misogynie“ sieht sie also ein Bestrafungsbedürfnis misogyner Männer am Werk, welches den patriarchal strukturierten Verhältnisse entspringt. Prominente FLINTA müssen in dieser Logik für ihre Unabhängigkeit bestraft werden. Auch ein besonders beliebtes Ziel von digitaler Gewalt sind Migrant*innen sowie autistische Personen und Transpersonen. Teilweise geht diese Gewalt bis zum Suizid der betroffenen Person.
Das Internet ist zwar in seiner Gesamtheit nicht Schuld, fungiert aber gut als moderner ‚demokratischer‘ Pranger, an dem jede*r sich beteiligen kann.
Viele der von Kracher angeführten Beispiele waren mir neu, da ich ehrlich gesagt dem Bereich der internationalen Stars nur wenig Aufmerksamkeit schenke. So hatte ich zwar von einem Konflikt des Schauspielers Johnny Depp und seiner Ex-Frau Amber Heard mitbekommen, aber mich nicht weiter damit beschäftigt. Der erfahrenere und ältere Depp hat seine Frau kontrolliert und misshandelt. Es kam zur Trennung, zum Konflikt und zu mehreren Gerichtsprozessen. Höhepunkt dieses Konfliktes war ein öffentlich gestreamter Prozess im Frühling 2022. Zur Verteidigungsstrategie von Depps Team gehörte es auch mit Hilfe von Trollen und aufgehetzten Fans Heard online anzugreifen. Aus dem Prozess wurde durch seine digitale Aus- und Verwertung ein Schauprozess. Kracher weist darauf hin dass ein Teil der koordinierten Online-Angriffe gegen Heard offenbar vom saudischen Kronprinz, einem persönlichen Freund von Depp, ausgingen.
Den Prozess bezeichnet Kracher als „antifeministisches Fanal“ und mögliches Ende von #MeToo.
Ich bin mir nicht so sicher ob der Depp-Heard-Prozess in Deutschland so einen starken diskursiven Einfluss hatte oder nicht eher die Diskussion um das Verhalten von Rammstein bzw. deren Sänger Till Lindemann gegenüber jüngeren Frauen. Deswegen ist es etwas schade dass sie diesen Fall auf nur einer Seite behandelt und andere Fälle wie den von Jerome Boateng, der seine Freundin misshandelt hat, in nur wenigen Sätzen.
Ausführlicher behandelt sie aber den Fall des so genannten Drachenlords, eines jungen Mannes aus der bayrischen Provinz, der Opfer einer deutschlandweiten Mobbing-Kampagne von Anti-Fans wurde. Diese verlagerte sich schnell auch vom online- in den offline-Bereich. In seinem winzigen Weiler organisierten seine Anti-Fans einmal sogar eine Demonstration mit 800 Personen.
Seien wir ehrlich, Veronika Kracher könnte sich das Leben einfacher machen und sich nur zu Themen wie Misogynie, Incels etc. äußern. Dafür bekäme sie schon genug Hass ab. Sie könnte z.B. zum Vernichtungs-Antizionismus in Teilen der Linken schweigen. Das sie das aber – mutigerweise – nicht tut, bringt ihr auch Hass von linker Seite ein. Diese linken Hass-Wellen thematisiert sie auch immer wieder in ihrem Buch, da sie auch hier Misogynie am Werk sieht.
Der von Kracher, bereits in einem früheren Buch, beschriebene „Gamergate“ ab 2014, der sich gegen FLINTA in der Gamer*innen-Szene richtete, ist mir nur aus nachträglichen Analysen bekannt. Er hatte wichtige politische Auswirkungen, denn damals erkannten organisierte extreme Rechte wie Steve Bannon die Macht von misogynen jungen Männern als Troll-Armee und begannen dieses Potenzial politisch zu nutzen. Es kam zu einem Bündnis von misogynen Gamern und der Alt Right. Antifeminismus fungiert dabei als Brücken-Ideologie.
Am Ende der Buch-Lektüre bleibt für mich die Frage, ob technische Fortschritte im real existierenden Kapitalismus und Patriarchat, nicht immer auch vor allem ein Fortschritt für Kapitalismus und Patriarchat sind. Das gilt auch für das Internet. Was einmal als die Idee von Verbindung und Austausch aller Menschen weltweit begannt ist zu einer stinkenden Sickergrube geworden. Ja, in diesem Schlamm blühen auch einige schöne Blumen, aber das Fundament bleibt der stinkende Inhalt der Sickergrube.
Die Beschreibungen von Memes im Buch fand ich manchmal etwas nervig, aber der Verbrecher-Verlag scheint ungern Bild abzudrucken.
Ich gebe ehrlich zu als Non-Digital-Native ist mir manches in dem Buch fremd und manche Geschehnisse sind an mir vorbeigegangen. Da ist es gut, wenn es einem noch einmal erklärt wird. Die 260 Seiten lesen sich schnell und die/der Leser*in lernt vieles dazu, auch neue Begriffe für Verhalten und Strategien wie etwa Review-Bombing (massenhaft schlechte Kritiken veröffentlichen) oder die Strategie der Sockenpuppen (online Vortäuschung einer marginalisierte Gruppe anzugehören).
Lest das Buch und lernt dazu!
Veronika Kracher: Bitch Hunt, Berlin 2026.