Das 2022 erschienene Buch „Unser Deutschland-Märchen“ ist schwer zu charakterisieren. Es hat stark autobiografische und biografische Züge, da der Autor die meisten Abschnitte aus seiner Sicht und der fiktiven Sicht seiner Mutter Fatma schreibt. Es geht um das Ankommen, Arbeiten und Aufwachsen in (West-)Deutschland. Fatma kommt als so genannte ‚Gastarbeiterin‘ nach Westdeutschland und Dinçer bezeichnet sich selbst als ‚Gastarbeiterkind‘. Hinzu kommen surreale Texte und Lieder, sowie Kapitel aus den Perspektiven weiterer Menschen, sowie mit Schwarzweiß-Fotografien aus dem Familienbilderalbum des Autoren. Es ist also eine Art semi-autobiografische Episoden-Erzählung. Dabei nimmt die Perspektive der Mutter den größeren Teil des Buches ein. Dinçer Güçyeter setzt seiner Mutter also eine Art literarisches Denkmal. Fatma hat es nicht leicht, als Frau, als Türkin und als Arbeiterin. Sie kommt mit 13 Jahren nach Deutschland, in eine für sie fremde Gesellschaft. Ihr Mann, Yilmaz, wird eher als Taugenichts beschrieben. Ständig verspekuliert sich und hat deswegen Schulden. Wie allgemein die türkischen Männer in Deutschland im Buch eher schlecht wegkommen. Viele sitzen in der Kneipe von Yilmaz und trinken und spielen. Die Arbeit dagegen machen die Frauen, so auch Fatma. Erst hat sie einen Putz-Job, später arbeitet sie in einer Schuhfabrik und als Fabrikarbeiterin bei Mercedes und gleichzeitig auf dem Feld. Hier erntet sie u.a. Spargel: „Nach meiner Schicht sammle ich alle Frauen vor ihrer Haustür ein, wir fahren zusammen nach Grefrath, verteilen uns wie Ameisen im Feld und stechen den goldenen Spargel aus seinem Versteck. Ich verstehe nicht so ganz, warum Deutschland diese Wurzelart so heilig ist, aber egal, Hauptsache, ich kann damit Geld verdienen.“ (Seite 55-56) Sie muss auch arbeiten, um die Schulden ihres Mannes abzustottern und für ihre beiden Söhne, den 1979 geborenen Dinçer und den 1982 geborenen Özgür, sorgen. Auch die Care-Arbeit bleibt an ihr bzw. an den Frauen hängen. Mit der Schwiegermutter, der Schwägerin und weiteren ist es ein achtköpfiger Haushalt, den Fatma aufopferungsvoll versorgt und managt. Das Buch zeigt in seinen Frauenperspektiven das Patriarchat kritisch auf. Auch Rassismus wird thematisiert. Der Alltagsrassismus aber auch die rassistische Gewalt. So heißt es etwa über die Zeit nach den tödlichen Brandanschlägen in Solingen und Mölln: „Die nächsten Nächte habe ich schlaflos am Fenster verbracht, jeder Schatten umzingelte meinen Körper mit einer neuen Angst.“ (Seite 125) Die Mutter schuftet für ein besseres Leben für ihre Kinder, engt sie aber auch ein, in ihrer Rollen-Erwartung an diese. Dinçer versucht dem gerecht zu werden, und arbeitet seit dem achten Lebensjahr mit. Er soll Arbeiter werden und beginnt auch eine Ausbildung als Dreher. Das härtet den Träumer ab, aber eigentlich will er Literat werden, auch wenn das kein sicherer Beruf ist. Es kommt zum Bruch mit der Mutter als er anfängt seinen eigenen Träumen zu folgen. Trotz des Ausbruchs aus seinem Milieu, bleiben viele Prägungen zurück: „Wenn du als Gastarbeiterkind die gesamte Jugend damit verbracht hast, deinen Lehrern, den Vorarbeitern, Dozenten etwas zu beweisen, dann steckt diese Kerbe tief im Fleisch, und für den Rest des Lebens kämpfst du damit, die Wunde zu heilen, dich zu befreien.“ (Seite 191)
Das Buch ist auch ein literarische Liebeserklärung des Autors an seine Mutter. Es ist ein Buch aus migrantischer, teilweise weiblicher Perspektive über das Ankommen in Westdeutschland. Es ist individuell und steht doch auch stellvertretend für Millionen Biografien. Besonders die poetische Sprache – der Autor schreibt auch Gedichte – ist schön. Ein Lesetipp!
Dinçer Güçyeter: Unser Deutschlandmärchen, Berlin 2022.
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „Unser Deutschland-Märchen“ von Dinçer Güçyeter
Die 140 Seiten der autobiografischen Erzählung „33 Bögen und ein Teehaus“ von Mehrnousch Zaeri-Esfahani lesen sich schnell und gut. Die Autorin beschreibt darin ihr Aufwachsen im Iran, ihre Flucht und ihr Ankommen in Westdeutschland. Geboren im Jahr 1974, wächst Zaeri-Esfahani in einer liberalen und wohlhabenden Familie in der Stadt Isfahan auf. Ihr Vater ist Arzt und ihre Mutter Krankenschwester. Im Jahr 1979 wird der Schah gestürzt und sein Regime durch eine Theokratie ersetzt. Der Tugendterror der Mullahs setzt ein. Immer mehr wird verboten, selbst Frauengesang, Schach und Mensch-ärgere-Dich-nicht. Überall wachen die Pasderan (Religionswächter) über die Einhaltung der religiösen Verbote. Die Autorin schreibt: „Die Pasderan waren überall! Sie waren immer zu viert und tauchten wie aus dem Nichts auf. Wie Krokodile, die ungesehen unter der Wasseroberfläche lauern und dann, wenn sie ihrem Opfer nah genug sind, mit ihrem tödlichen Maul je zuschnappen.“ (Seite 33) Seit dem Alter von sechs Jahren musste sie im Iran ein Kopftuch tragen und ist der Propaganda und den Schlägen im Schulunterricht ihrer Mädchenschule ausgeliefert. Im Jahr 1980 bricht der Iran-Irak-Krieg aus, der bis 1988 andauert. Das Regime rekrutiert Jungen ab 12 Jahren als Kindersoldaten. Zaeri-Esfahanis beschließt zu fliehen, um ihren ältesten Sohn vor diesem Schicksal zu schützen. Die sechsköpfige Familie aus den beiden Eltern und vier Kindern tarnt die Flucht als normale Reise. Sie stranden in Istanbul. Von hier aus gelangen sie über ein DDR-Visum nach Ostberlin. „Er [ihr Vater] erklärte mir, dass so ein Visum für uns Flüchtlinge wertvoller sei als ein Sechser im Lotto. Er sagte, dieses kleine Papier würde unser ganzes Leben verändern.“ (Seite 74) Die DDR-Behörden ärgerten damals Westdeutschland damit, dass sie Flüchtlinge mit einem Visum kurz aufnahmen und dann in den Westen abschoben. So hatte es die Familie von Zaeri-Esfahani auch geplant. Ihre Flucht nach Westdeutschland ist damit auch ein Ergebnis des Ost-West-Konfliktes. Zu Weihnachten 1985 treffen sie in Westberlin ein, werden nach Karlsruhe verschoben und landen schließlich in Heidelberg. Hier versucht sich die kleine Mehrnousch an die neuen Gegebenheiten anzupassen: „Es galt, all die komischen Dinge zu verstehen, die die komischen Fremden in diesem komischen Land taten.“ (Seite 12) Thema und die Kinder-Perspektive erinnern an Marjams Satrapis „Persepolis“. Es geht auch um Ausgrenzung und Rassismus, aber nicht nur. Die Lektüre lohnt sich sehr. Allerdings hätte man gerne noch gelesen wie das Leben von Mehrnousch in der Bundesrepublik weiter verlaufen ist.
Mehrnousch Zaeri-Esfahani: 33 Bögen und ein Teehaus, Hamburg 2018.
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „33 Bögen und ein Teehaus“ von Mehrnousch Zaeri-Esfahani
Fünf Jahre sind im Online-Zeitalter Jahrzehnte. Das 2020 erschienene Buch „Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen“ von Patrick Stegemann und Sören Musyal ist natürlich veraltet, denn es beschreibt eine Zeit vor Corona, vor der russischen Vollinvasion in der Ukraine, vor der Trump-Wiederwahl, vor dem Rechtsruck von Elon Musk und vor der Popularität von Tiktok im Westen. Trotzdem hilft das Buch immer noch die digitalen Raum-Gewinne der extremen Rechten besser nachzuvollziehen. Denn schon vor fünf Jahren war der Erfolg der extremen Rechten unübersehbar: „Die extreme Rechte ist heute weltweit in der Lage, über ihre Kernzielgruppen hinaus ihre Botschaften zu platzieren. Sie kann damit Wahlen beeinflussen, und sie kann mitbestimmen, worüber ganze Gesellschaften sprechen.“ (Seite 16)
Das Autoren-Duo zeichnet die Entwicklung der rechten Politisierung von Online-Subkulturen von Gamern nach. Dabei gehen sie auch auf die Incel-Subkultur und den Gamergate 2014 ein. Dieser war eine „gewaltvolle Art der Zensur“, als männliche Gamer versuchten eine Spiele-Entwicklerin und ihre Verteidiger*innen mit einem shitstorm zum Schweigen zu bringen. Der Gamergate macht die extreme Rechte auf das Potenzial reaktionärer Gamer aufmerksam und sie stieß dazu, weil sie hier Kulturkampf-Potenzial witterte. Es entstand eine rechte „hochpolitisierte Ironiekultur“. Am Anfang vieler Radikalisierungsbiografien stand und steht nämlich ein destruktiver Humor, der sich hinter der Ironie zu verstecken versucht. In Wahrheit sind es aber oft menschenverachtende und extreme rechte Aussagen, die da durch Bilder oder Kommentare zum Vorschein kommen. Es kam in den 2010er Jahren zu einer Annäherung von extrem rechten chan-Kulturen und organisierten Rechtsextremismus. In den weitgehend unmoderierten chan-Foren rechtsradikalisieren sich junge Männer und ziehen in den „digitalen Partisanenkampf“. Ein rechtsextremes Netzmilieu entstand, was sich im „Infokrieg“ sieht und „Trollterrorismus“ und „Memetic Warfare“ betreibt. „Die einschlägigen Boards waren einst Orte, an denen sich anonyme Nutzer ihres Frauenhasses und Rassismus versicherten. Nun sind sie zu Foren geworden, in denen eine politische Agenda vorgetragen und verfolgt wird.“ (Seite 48-49) Die Autoren schreiben bei der Online-Radikalisierung wahlweise von Rampe, Pipeline oder Radikalisierungspfad. Politisches Trolling wird als Spiel getarnt bzw. ist wie ein Spiel aufgebaut. Je erfolgreicher man ist, desto mehr Anerkennung bekommt man. Eine „Gamifizierung der Politik“ findet statt, etwa im „Great Meme War“ von 2016. Rechte und rassistische Memes stellen dabei eine „Ästhetisierung menschenverachtender Politik“ dar. Dabei harmonieren Memes grundsätzlich gut mit den rechten Parolen, weil sie einerseits einfache Feindbilder transportieren und sich andererseits hinter dem vermeintlichen Humor oder nicht-ganz-ernst-gemeint verstecken können, wenn es Kritik gibt. Die extreme Rechte ist aber auch online eigentlich nur eine lautstarke Minderheit, die es allerdings aber schafft „Dominanz im Diskurs vor[zu]täuschen“ (Seite 80).
Demokratie-schädlicher Algorithmus Der „Infokrieg“ ist auch ein Krieg der Emotionen, die die Infokrieger versuchen durch Trollen und Memes anzusprechen. „Deswegen sind organisierte Hassattacken und Shitstorms nicht nur »normal« für die rechten Infokriegerinnen, sondern notwendig.“ (Seite 80-81) Besonders beliebt ist das „Negative Campaigning“, also das man politische Gegner*innen dämonisiert. Auch angewandt wird „Doxing“, das Veröffentlichen privater Daten, oder das Kapern von Hashtags. Das grundsätzliche Problem ist, dass der Algorithmus vieler Plattformen von Zuspitzung und Polarisierung lebt und damit gilt: „Viralität ist Populismus“. „In den vergangenen Jahren ist beides zusammengewachsen: eine politische extreme Rechte, die Zuspitzung und Spaltung will und auf Verschleierung setzt, und soziale Medien, die genau auf diese Art der Kommunikation befeuern.“ (Seite 121) Um Menschen möglichst lange auf ihren Plattformen zu halten wird ihnen gezeigt was sie anspricht oder emotional extrem berührt. Da ein Algorithmus nichts mit Ethik zu tun hat, sind die Folgen egal. Die Autoren beschreiben im Buch an einer Stelle, wie ein Youtube-Algorithmus unabsichtlich zur Herausbildung einer pädophilen Struktur führte. Der Algorithmus erkannte dass einige Menschen aus ihrer pädophilen Neigung heraus gerne Videos mit jungen nackten oder wenig bekleideten Personen ansahen und zeigte ihnen immer mehr dieser Videos. In den Kommentarspalten zu besonders beliebten Videos fanden dann die Personen mit pädophilen Neigungen zueinander, bestärkten sich und tauschten Kontakte aus. So entstand aus einem Youtube-Algorithmus ein Pädophilen-Ring.
In der Szene etablieren sich auch rechte Influencer*innen, von denen mehrere im Buch porträtiert wurden. Die rechten Influencer*innen arbeiten auch stark mit einer Emotionalisierung: „Die Aufgabe rechter Influencer*innen ist es, immer wieder an diese Gefühle der Gegnerschaft nach außen und Gemeinschaft nach innen zu appellieren: Der Feind, der bekämpft werden muss, und die eigene tragende Rolle dabei stehen fortwährend im Mittelpunkt.“ (Seite 81)
Rechte Trolle für Trump und AfD Rechte Chan-Trolle unterstützten Trumps Wahl-Kampagne 2016, die AfD zur Bundestagswahl 2017 und andere rechte Parteien im Wahlkampf. Die rechte Online-Kultur ist zwar international, aber trotzdem gibt es manchmal nationale kulturelle Eigenheiten die eine 1:1-Übertragung verhindern. So war beispielsweise die Verwendung der, von rechts gekaperten, Symbolfigur „Pepe, der Frosch“ nicht auf den Wahlkampf in Frankreich übertragbar, weil hier Frösche eine spezifische Bedeutung haben. Die Autoren schreiben von den „drei Dopings der AfD: Influencer*innen, Vorfeldorganisationen und Fakes“ (Seite 231). Die rechte Trollarmee ist dabei eine Art digitaler Narrensaum der extremen Rechten, der aber nur bedingt kontrollierbar oder in eine Strategie rechter politischer Parteien eingebunden ist. Stegemann und Musyal resümieren: „Der Erfolg der AfD ist also nicht Ergebnis einer besonders klugen Medienstrategie. Die AfD ist schlicht Teil des rechten Infokrieges. Sie teilt die extreme Idee von Öffentlichkeit, die in klarer Opposition zur demokratischen Mehrheitsgesellschaft steht. Entscheidender Teil dieser Strategie ist es, die eigene Community von anderen Medien zu entfremden.“ (Seite 241)
Zwar ist inzwischen aus der Facebook-Partei AfD eine Tiktok-Partei geworden, trotzdem ist die Lektüre des Buches noch immer hilfreich um den Online-Siegeszug der extremen Rechten nachzuvollziehen.
Patrick Stegemann, Sören Musyal: Die rechte Mobilmachung. Wie radikale Netzaktivisten die Demokratie angreifen, Berlin 2020
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „Die rechte Mobilmachung“ von Patrick Stegemann und Sören Musyal
Mit viel Gewinn habe ich das in diesem Jahr erschienene Buch „Das Deutsche Demokratische Reich“ von Volker Weiß gelesen. Der seltsam wirkende Titel verweist auf die Patchwork-Nostalgie der extremen Rechten, die sich je nach Bedarf sowohl auf verschiedene Aspekte der deutschen Geschichte beziehen. Dabei geht es um etwas, was als ‚Resignifikation‘ bezeichnet wird. Darunter ist die Umschreibung der kollektiven Erinnerung zu verstehen. Weiß führt aus wie dieses Projekt mit dem zunehmenden Erfolg der extremen Rechten an Resonanzraum gewonnen hat: „Das Projekt der »historisch-fiktionalen Gegenerzählung«, mit der die extreme Rechte seit Langem ihren Zugriff auf die Geschichte gestaltet, hat durch die erweiterten Resonanzräume der Strömung erheblich an Lautstärke hinzugewonnen.“ (Seite 8) So ist eine Art rechter antikommunistische DDR-Nostalgie entstanden, die oft mit einer rechten Dekadenzkritik und dem Feindbild Westen einher geht. Diese Tendenz führt auch in die Arme des russischen Nationalismus, dessen antiwestlichem Weltbild man sich immer stärker annähert. Dabei kommt es zu einem „wilden crossover“, auch zwischen Imperialismus und Antiimperialismus. Den russischen Imperialismus ignoriert man, den amerikanischen verdammt man. Russland lockt die deutsche Rechte dabei mit dem „Ostpreußen-Köder“, also der angeblichen Möglichkeit die Oblast Kaliningrad, das ehemalige Nord-Ostpreußen, zurückzubekommen.
Der Autor widmet sich auch den Versuch aus den Nazis Linke zu machen, um Schuld auf den politischen Gegner abzuwälzen. Eine Betrachtung, die auch im Musk-Weidel-Gespräch im Januar 2025 auftauchte, als Weidel die Nazis als „Kommunisten“ bezeichnete. In diesem Zusammenhang spürt Weiß einem vorgeblichen Goebbels-Zitat nach, was scheinbar ein linkes Verständnis der Nazis belegt. Das Zitat entpuppt sich aber als verkürztes Zitat eines niedersächsischen NS-Nationalrevolutionärs.
Weiter geht Weiß darauf ein, dass schon der ‚konservative Revolutionär‘ Moeller van den Bruck (1876-1925) Begriffe neu besetzt hat, z.B. als er aus dem Sozialismus einen „Deutschen Sozialismus“ machte, der allerdings gar nicht sozialistisch war. Bereits in der Weimarer Republik versuchte also die extreme Rechte sich an einer Resignifikation. Gegen die starke Arbeiter*innen-Bewegung versuchte die Rechte sich Zeichen und Begriffe der Linken aneignen ohne ihr aber beizutreten. Denn im Gegensatz zur Linken waren soziale Gerechtigkeit und Egalitarismus nicht ihr Ziel. Die Rechte verstand ihren ‚Sozialismus‘ nur als Absage an eine Klientelpolitik, aber sie ließ die gesellschaftlichen Verhältnisse unangetastet.
Nach der Wende von 1989/90 kommt es zum Paradox einer antikommunistischen DDR-Nostalgie. Die extreme Rechte nimmt positiven Bezug auf antiliberale Traditionslinien der DDR. Es entsteht „der Osten der Rechten“, der allerdings sehr fiktional und widersprüchlich ist. Etwa wenn man sich gleichzeitig sowohl positiv auf die DDR-Kultur als auch auf die Bürgerrechtsbewegung bezieht. Oder wenn man einerseits gegen Angela Merkel ihre FDJ-Sozialisation anführt und andererseits die DDR-sozialisierte Bevölkerung durch die emotionale Ansprache eines kulturellen Erinnerungsraums versucht anzusprechen, z.B. in Bezug auf die populären Simson-Motorräder. Die extreme Rechte versucht ‚ostdeutsch‘ als rechte Marke zu etablieren. Der Osten sei noch ‚rein‘, nämlich ohne Migration und Schuldkult. Ähnliches passiert auch jenseits des Atlantik in der US-Rechten, die traditionell antikommunistisch und russlandfeindlich eingestellt war. Auch sie hat in Teilen mit Blick auf den Nationalismus und Traditionalismus des Putins-Regimes ein positives Russland-Bild entwickelt. Gegen Ende des Buchs enthüllt der Autor dass sein Buchtitel aus einer Rede von Jürgen Elsässer in Jena am 3. Oktober 2023 stammt. In dieser macht er sich im Prinzip für eine Separation Ostdeutschlands als eine Art ‚Rassereinheitsreservat‘ und antiwestlicher Ostblock stark. Im Verlauf der Lektüre wird immer klarer wie die extreme Rechte durch Umdeutung und Umschreibung der deutschen Geschichte versucht über eine Relativierung zur Revision zu gelangen.
Von dem eigenwilligen Titel sollte man sich nicht abschrecken lassen. Wer wissen will wie „ die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört“ – so der Untertitel – muss dieses neue und schlaue Buch von Volker Weiß lesen.
Volker Weiß: Das Deutsche Demokratische Reich. Wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört, Stuttgart 2025
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „Das Deutsche Demokratische Reich“ von Volker Weiß
Im Februar 2025 ist dieser Sammelband erschienen: Elias Raatz, Lucius Teidelbaum: Wir hol’n jetzt unser Haus! Über 50 Jahre Tübinger Jugendzentrum Epplehaus zwischen Hausbesetzung, Selbstverwaltung und Subkultur, Villingen-Schwenningen 2025 ISBN 978-3-98809-035-5
Meine Beiträge in dem Buch sind:
mit Elias Raatz: Vorwort, Seite 8-9
Ballettmeister, Hilfsbremser und Pfarrer. 1863-1972: Die ersten Jahre im Jugendzentrum, Seite 33
Das Epplehaus lebt weiter. 2001-2025: Das Epplehaus im 21. Jahrhundert, Seite 72-77
Trouble in Paradise. Seit 1972: Konflikte und Probleme in der Selbstverwaltung, Seite 78-82
Eine Schule der Basisdemokratie. Seit 1972: Station in der Sozialisierung junger Menschen, Seite 88-89
Das Epplehaus als Feindbild. Seit 1972: Rechte Angriffe und Anfeindungen gegen linkes Zentrum, Seite 90-92
mit Larissa Roth: „Auch mal ohne seitenlange Marxzitate“. Seit 2007: Linke Bildungsarbeit von „Input“, Seite 98-99
Alerta, alerta, antifascista! Antifaschismus und das Epplehaus, Seite 106-107
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Sammelband zur Geschichte des Epplehaus in Tübingen erschienen
Die Graphic Novel „Die drei Leben der Hannah Arendt“ ist eine Comic-Biografie des US-Künstlers Ken Krimstein über Hannah Arendt (1906-1975). Sie ist 2018 im Original und 2019 auf Deutsch erschienen. Der Original-Titel lautete „The three escapes of Hannah Arendt“. Am Ende des Comics wird nochmal auf die fiktiven Anteile hingewiesen: „Diese Graphic Novel stellt keine Biographie Hannah Arendts im wissenschaftlichen Sinne dar. Es handelt sich um eine Interpretation ihres Lebens, eines biographische Fiktion mit textlich tradierten Anleihen aus ihrem Werk […].“ (Seite 237) Der Zeichen-Stil ist schlicht und reduziert, ja fast skizzenhaft und Schwarzweiß bis auf die Kleidung Arendts, die in Grün gehalten ist. Am Anfang wird die Kindheit und Jugend von Hannah Arendt im ostpreußischen Königsberg (heute: Kaliningrad) geschildert. Offenbar ist sie bereits als Jugendliche eine Art Genie, die sich selber Altgriechisch beibringt. Andererseits organisiert sie Streik an ihrer Schule, weswegen sie auch von der Schule fliegt. Als Jüdin lernt sie von ihrer Mutter sich gegen Antisemitismus zur Wehr zu setzen. Sie studiert in Marburg Philosophie und hat ihre bekannte Liaison mit dem doppelt so alten Professor Martin Heidegger (1889-1976). Schließlich heiratet sie 1929 Günter Stern (1902-1992), Sohn eines Ehepaars deutsch-jüdischer Psychologen. Die Ehe scheiterte allerdings 1937. Arendt war dann für die zionistische Bewegung aktiv und floh nach der Machtübergabe an die Nazis 1933 ins Exil in Paris. Wenig später folgt ihre Mutter. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Frankreich wird sie 1939 nach Gurs in Süd-Frankreich deportiert, anfangs eine Internierungslager für „feindliche Ausländer“ und später ein Konzentrationslager der Deutschen. Sie flieht nach der Kapitulation Frankreichs und taucht unter. Sie schafft es in die USA zu gelangen, wo sie sich in New York niederlässt. Hier wird sie Teil des jüdisch-liberalen Bürgertums und 1951 schließlich US-Bürgerin. Im Jahr 1951 erscheint auch ihr berühmtes Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“. Ihr Artikel-Serie über „Eichmann in Jerusalem“ 1961 sorgt für viel Kritik in ihrem jüdischen Umfeld und isoliert sie. Der Comic gibt auch Teile ihrer philosophischen Gedanken und Sinnsuche wieder und wie sie sich von der Philosophie abwandte, weil diese Heideggers Überlaufen zu den Nazis nicht verhindert hatte. Die Lektüre lohnt sich unbedingt, sowohl für historisch wie auch für Arendt-Interessierte!
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Comic-Kritik „Die drei Leben der Hannah Arendt“ von Ken Krimstein
Mit einiger Verspätung habe ich das Buch „Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults“ von Veronika Kracher gelesen, was bereits 2020 erschienen ist und meines Wissens die erste ausführliche kritische Beschreibung der Incel-Bewegung auf Deutsch war. Kracher erläutert am Buchanfang, was Incels sind: „Incels […] ist die Kurzform für »Involuntary Celibate«, also unfreiwillig im Zölibat Lebende. Es handelt sich um junge Männer, die der so genannte Blackpill-Ideologie anhängen, das nihilistischere Derivat der verschwörungstheoretischen und antifeministischen Redpill-Ideologie. Die Redpill-Ideologie ist, kurz skizziert, eine maskulinistische Verschwörungsideologie, die besagt, dass der weiße, heterosexuelle und cisgeschlechtliche Mann inzwischen der große Verlierer unserer Zeit ist, in der die Welt vom Feminismus beherrscht wird, der wiederum eine jüdische Erfindung sei. Deswegen müsse sich der Mann auf ursprünglich männliche Werte zurückbesinnen und, da Männlichkeit sich für diese Redpiller über Abwertung von Weiblichkeit konstituiert, wo sie hingehören: in die Küche und ins Ehebett. Die Redpill-Ideologie ist die Ideologie narzisstisch gekränkter Männer, die panische Angst vor dem Verlust ihrer Hegemonie haben, die nun einmal auf der Unterdrückung und Ausbeutung anderer basiert.“ (Seite 11)
Die Autorin zeichnet die Entstehung und Radikalisierung dieser Bewegung nach. Tragischerweise wurde der Begriff ‚Incel‘ 1993 von einer queeren Frau eingeführt. Er sollte unfreiwillige Sexlose im Internet in Foren zusammen führen, um sich auszutauschen und zu unterstützen. Doch aus der gemischtgeschlechtlichen Selbsthilfe wurde ein männlicher „toxischer Kult“ (Kracher), der Frauen und „dem“ Feminismus die Schuld an der unfreiwilligen Enthaltsamkeit gab. Dahinter wurde von den Incels nicht selten eine Verschwörung ausfindig gemacht, z.B. des (‚jüdischen‘) Kulturmarxismus. Grundlage dieser Entwicklung ist ein patriarchales Anspruchsdenken, wonach Frauen Männer zur Verfügung stehen hätten. Die Abweisung durch Frauen erzeugt daher eine narzistische Kränkung und Hass. Obwohl es sich bei den Incels um eine, aus einer Online-Community entstandene, Bewegung oder Kult handelt, so ist es der Autorin wichtig darauf hinzuweisen, dass „der durchschnittliche Mann und der Incel ideologisch gar nichts so weit voneinander entfernt sind.“ (Seite 13)
Es entstand in den letzten Jahren eine eigene Subkultur, die u.a. über Memes kommuniziert und eine eigene Sprache entwickelt hat. So werden z.B. vermeintliche Alpha-Männer als „Chads“ und normschöne Frauen als „Stacys“ bezeichnet. Mithilfe von teuren Seminaren so genannter ‚PickUp-Artists‘, die Manipulation und Übergriffigkeit lehren, oder mit Schönheits-OPs versucht man sich zu helfen. Einige Incels greifen aber auch Frauen und Paare an, um sie zu ‚bestrafen‘. Einige wenige begingen sogar tödliche Amokläufe. Bis zum Erscheinen des Buchs 2020 gab es in den USA und Kanada über 50 Todesopfer durch misogyne Incel-Amokläufe. Auch wenn es die Taten Einzelner waren, so wurden sie durch die Incel-Online-Community angestachelt und in ihrem Frauenhass bestärkt. Frauen werden dort z.B. als „Femoids“ oder „Löcher“ bezeichnet, was eine Dehumanisierung zur Folge hat. Diese Foren und Reddidt-Threads fungieren als verstärkende Echokammern für Frauenhass, Selbsthass und pathologisches Opferdasein. Mittel sind oft Zynismus, Fatalismus und ein Nihilismus bzw. Blackpill-Nihilismus. Zynismus und Nihilismus führen zu einer „moralischen Transgression“ („moralischen Grenzüberschreitung“). Oft anfangs noch ironisch gemeint, um „Normies“ (Normale) zu triggern, verfestigt sich die Verachtung für bestimmte Gruppen.
Amokläufer wie Eliot Rodger, der in der community zu den „Supreme Gentlemen“ gezählt wird, genießen Helden-Status. Doch Rodger ist kein Held, sondern ein Mörder. Er ermordete am 23. Mai 2014 sechs Menschen und verletzte weitere 14. Für ihr Buch hat sich Kracher durch Rodgers 137 Seiten langes Manifest („My Twisted World“) gelesen und arbeitet Merkmale der Incel-Indentität heraus. Sie sieht bei ihm, wie bei anderen radikalisierten Incels, einerseits eine Sehnsucht nach Frauen und andererseits auch eine Ablehnung von Frauen. Mit Rückgriff auf die Psychoanalyse stellt sie bei vielen Incels eine gestörte Ich-Entwicklung fest. Auch bei Klaus Theweleit und dem Modell des autoritären Charakters von Adorno und Horkheimer findet sie hilfreiche Ansätze zur Analyse der Incels. Immer wieder betont sie, dass sich der Incel-Kult nicht im luftleeren Raum entwickelt hätte, sondern mit Patriarchat, Neoliberalismus und kapitalistische Entfremdung im Zusammenhang stehen würde. Gegen den Selbsthass empfiehlt sie mehr Selbstliebe als Gegenmittel und ansonsten fordert sie: „Letztendlich ist der einzige konsequente Kampf gegen die Incel-Ideologie der Kampf für eine solidarische, egalitäre und von den Zwängen der patriarchalen Kapitalismus befreite Welt.“ (Seite 228)
Ich fand die Lektüre spannend und informativ. Manchmal, wenn sie der recherchierte Hass zu die Autorin zu sehr anstrengt hat, dann verwendete sie im Buch – verständlicherweise – einen ironischen bzw. sarkastischen Stil. Mein größter Kritikpunkt ist das hässliche Cover, was mehrere Froschgesichter darstellen soll und auf die Altright-Ikone „Pepe der Frosch“ verweist. Ein paar Fragen sind bei mir zurück geblieben. Etwa, ob das Zusammentreffen von Incels ausschließlich online stattfindet oder ob es auch Offline-Treffen gab? Zwar erwähnt Kracher an einer Stelle die Bewunderung eines Teils der Incels für das IS-Kalifat, aber die Ähnlichkeit zum Hass auf Zärtlichkeit durch religiöse Tugendwächter hätte mich noch weiter interessiert. Ebenso erwähnt sie die Rolle von neuen sozialen Medien oder Mainstream-Pornografie, die falsche Bilder von Frauen und Sexualität erzeugen würden. Die durch Tinder und Co. verstärkte Oberflächlichkeit bzw. die damit verbundenen Schönheitsbilder als grundsätzliches Problem in der über-medialisierten Postmoderne hätten mich auch noch mehr interessiert. Die Klage über den Verlust der ‚echten‘ Männlichkeit ist übrigens fester Bestandteil des neurechten Antiliberalismus, der dem gesellschaftspolitischen Liberalismus vorwirft alle alten Traditionen und Werte zu zerstören.
Die Lektüre ist durch die Zitate stellenweise anstrengend, aber wichtig.
Veronika Kracher: Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults, Mainz 2020
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „Incels“ von Veronika Kracher
Bisher hatte ich von Philip Roth (1933-2018) die drei Bücher „Nemesis“, „Verschwörung gegen Amerika“ und „Der menschliche Makel“ mit Genuß und Gewinn gelesen. Dazu kam nun ein viertes hinzu. Sein Buch „Mein Mann, der Kommunist“ war ein Bücherkisten-Fund.
Der 1998 erschienene Roman schildert das Schicksal des jüdischen Arbeiters, Radiostars und Kommunisten Ira Ringold. Erzählt wird es von dessen älteren Bruder Murry seinem ehemaligen Schüler Nathan Zuckerman, einem literarischen Alter Ego von Roth. Zuckerman kommt aus dem unteren Mittelschichts-Judentum an der Ostküste, welches gerade dabei ist sich aus den Einwanderervierteln heraus zu arbeiten. Die Geschichte spielt als Rückblick größtenteils in der McCarthy-Ära der 1950er-Jahre. Der Körper-große Ira wird durch seine Verkörperung von Abraham Lincoln zum Schauspieler und schließlich zum Radio-Sprecher der Sendung „Frei und tapfer“. Zuvor wurde er während des Zweiten Weltkriegs durch den Arbeiter Johnn O’Day zum Partei-Kommunismus bekehrt. Bald aber schon setzt in den USA die Jagd auf Kommunistinnen und vermeintliche Kommunistinnen ein. Es werden Listen mit Verdächtigen angelegt, die oft ihre Anstellung verlieren, und das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ führt Verhöre durch, deren Beurteilungen Karrieren beenden kann. Dem Hauptprotagonisten Ira Ringold gelingt als „Iro Risin“ der Ausftieg zum Radio-Star. Gleichzeitig heiratet er mit Eve Frame, eine ältere ehemalige Stummfilm-Berühmtheit. Eve stammt selber aus einer jüdischen Familie, versucht das aber zu verheimlichen. Ihr antijüdischer Selbsthass führt zu einem Antisemitismus, der sich immer wieder impulsiv Bahn bricht. Drei ihrer Ehen sind gescheitert und ihr einziges Kind, ihre Tochter Sylphit, hält Eve in emotionalen Geiselhaft. Gleichzeitig nehmen in Iras Leben die Widersprüche zu: Er ist Arbeiter, Idealist und Kommunist, führt gezwungenermaßen mit seiner Frau ein großbürgerliches Privatleben, in dem er aber eher ein Zuschauer ist. Ira ist ein Riese mit großen Händen, der in Newark, New Jersey, als Jude unter italienischen Arbeiterinnen aufgewachsen ist und musste sich in dieser rauen Umgebung im Wortsinne durchschlagen. Er passt nicht zu dem ehemaligen Hollywood-Starlette, einer „berühmte[n] Schönheit, die wie ein Teebeutel in aristokratische Arroganz getaucht ist […]“ (Seite 107). Vor allem Eves Tochter lehnt ihn ab. Der Konflikt mit seiner Frau und seiner Stieftochter spitzt sich zu und Ira stürzt sich in Affären. Es kommt 1951 zur Trennung. Eve rächt sich an Ira, indem sie den republikanischen Politiker Bryden Grant und seine Frau Katrina van Tassel Grant in ihrem Namen ein Buch mit dem Titel „Mein Mann, der Kommunist“ schreiben und im Jahr 1952 veröffentlichen lässt. Dieses Rufmord-Dokument stürzt Ira in den Abgrund. Das alles erfährt Nathan Zuckerman Jahrzehnte nach Iras Tod von dessen Bruder Murray Ringold. Auch er ist ein Opfer des grassierenden Antikommunismus, verliert zeitweise seinen Job als English-Lehrer und wird Staubsaugervertreter, um über die Runden zu kommen. Das Buch beinhaltet mit dem Porträt Iras ein Psychogramm eines Mannes, der ein Gewaltproblem hat, und der wütend ist, auch über erfahrenen Antisemitismus. Aber „Amerika war ein Paradies für zornige Juden.“ (Seite 204) So wird Ira Partei-gläubiger Kommunist Der 1950 ausgebrochene Koreakrieg und eine allgemeine Atomkriegsangst treiben ihn an, bis 1953/56 die kommunistische Utopie für viele US-Kommunistinnen implodiert als Stalins Verbrechen und sein Antisemitismus sichtbarer werden.
Der Roman ist ein lesenswertes Buch, was neben dem Psychogramm des Hauptprotagonisten auch ein Porträt der McCarthy-Ära 1946-56 bietet.
Philip Roth: Mein Mann, der Kommunist, Reinbek 2021
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „Mein Mann, der Kommunist“ von Philip Roth
Mit einiger Verspätung habe ich den Roman „Unterleuten“ von Juli Zeh gelesen, der 2016 erschienen ist. Handlungsort ist das fiktive „Unterleuten“, was 100 Kilometer von Berlin entfernt in der brandenburgischen Ost-Prignitz liegt. Gegen Buch-Ende findet sich anschauliche Beschreibung der Gegend: „Sosehr er bereit war, brettflache Sandböden, eintönige Kiefernwälder und verfallende Gründerzeitarchitektur romantisch zu finden – Plausitz war von einer speziellen ostdeutschen Trostlosigkeit, die jedem fühlenden Menschen aufs Gemüt schlagen musste. Nach der Autobahnausfahrt passierte die Landstraße noch drei typische Dörfer, jeweils fünfzig Häuser mit Zigarettenautomat, Briefkasten und Sandstreifen am Straßenrand, auf dem die Autos parkten. Ringsum lagen ausgedehnte Weiden, auf denen sich Galloway-Rinder langweilten. Danach, im ersten Dunstkreis, verwandelten sich die Gegend in eine Rumpelkammer der Zivilisation. Kläranlage, Umspannwerk, Gewerbegebiet, Tankstellen, die Schallschutzwände der ICE-Trasse und die Lagerhallen einer Spedition sich zu einer Anti-Landschaft von frustrierender Beliebigkeit. Radwege nahmen die Landstraße in den Schwitzkasten, Kreisverkehre belästigten die Kreuzungen, an den Laternen hingen Hinweisschilder auf den Plausitzer McDonald’s. Zuletzt musste Frederik noch an den Shopping-Malls und Designer-Outlets vorbei, die die Stadt umgaben wie ein feindlicher Belagerungsring.“ (Seite 570-571) Unterleuten umfasst 122 Haushalte, in denen 200 Leute („Unterleutchen“) leben. Hier hat die Tauschgesellschaft der Spät-DDR überlebt: „Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-archaische, fast komplett auf sich gestellte Lebensreform, eine Art vorstaatlicher Tauschgesellschaft, unfreiwillig subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei.“ (Seite 29)
Die Geschichte spielt 2010 und handelt von den Alteingesessenen und Neuzugezogenen, die sich in den Konflikt um die Aufstellung von zehn Windrädern begeben. Dieser ‚Windrad-Bürgerkrieg‘ sorgt dafür, dass alte Rechnungen beglichen und neue aufgestellt werden und die ganze Dorfgemeinschaft sich zerstreitet. Jedes Kapitel hat Zeh aus der Perspektive eines oder einer Protagonist*in verfasst. Da sind zum Beispiel Rudolf Gombrowski und Kron, die seit Jahrzehnten miteinander verfeindet sind. Gombrowski ist Geschäftsführer der „Ökologica GmbH“, die er im November 1991 aus der Erbmasse der ehemaligen „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft“ (LPG) formte. Auch die 250 Hektar Land brachte er mit ein. Die „Ökologica“ ist der größte Arbeitgeber in Unterleuten. Sein Erzfeind Kron, ein ehemaliger LPG-Brigadeführer, konnte sich im Gegensatz zu Gombrowski weniger gut mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Er steht ihnen kritisch gegenüber:
„Kron wusste durchaus, was Freiheit war. Ein Kampfbegriff. Freiheit war der Name eines Systems, in dem sich der Mensch als Manager der eigenen Biographie gerierte und das Leben als Trainingscamp für den persönlichen Erfolg begriff. Der Kapitalismus hatte Gemeinsam in Eigensinn und Anpassungsfähigkeit verwandelt. […] Auf ihren Arbeitsstellen saßen die Leute unter Überwachungskameras, ließen sich die Zigarettenpausen verbieten und machten Überstunden in der Hoffnung, von der nächsten Kündigungswelle verschont zu bleiben. In den Schulen, die jetzt »Lernumgebungen« hießen, wurde nicht mehr unterrichtet, sondern Projekte entwickelt, Lernprozesse evaluiert und in Kernkompetenzen investiert. Die Krankenhäuser hatten sich in Gesundheitsfabriken verwandelt, in denen sich eine industrialisierte Medizin nicht um den Patienten, sondern um die Bettenrendite kümmerte […].“ (Seite 107)
Neulinge in Unterleuten sind dagegen Linda Franzen, eine Pferdewirtin, und ihr Freund Frederik Wachs, ein Spiele-Designer. Linda und Frederik besitzen eher zufällig ein Stück Land, welches zwei Parteien brauchen, um ihr Grundstück als neuen Windpark-Standort zu qualifizieren. Neben Gombrowski interessiert sich Konrad Meiler aus Ingolstadt für das Projekt, was 15.000 Euro jährlichen Pachterlös für jedes der zehn Windräder einbringt. Meiler hat in der Nachwende-Zeit mal eben 250 Hektar für 2,5 Millionen DM ersteigert. Er verkörpert im Buch den finanzstarken Wessis, der alles aufkauft. Linda Franzen versucht Gombrowski gegen Meiler auszuspielen. Franzen tritt den beiden älteren Männern gegenüber selbstbewusst und fordernd auf. Sie folgt in ihrem Tun den Anweisungen eines fiktiven Selbsthilfe-Guru. Seit drei Jahren leben in Unterleuten auch der Soziologie-Professor Gerhard Fließ und seine jüngere Frau Jule. Die beiden haben eine Tochter: Sophie. Gerhard Fließ hat Berlin bewusst den Rücken gekehrt, weil er sich als Linker von allen verlassen fühlt:
„Außer Gerhard schien niemand mehr zu glauben, dass Glück im gemeinsamen Kampf für eine gute Sache liege. Stattdessen suchten alle ihr Heil im Training von Körper und Geist. Gerhard fühlte sich umgeben von Athleten. Bildungsathleten, Berufsatheleten, Liebesathleten, Lebensathleten. Im Kampf hatte man sich stets als Teil einer Gruppe gefühlt; das Training machte einsam. Immerzu gingen die Menschen nach hause, zur Familie, zum Sport, zu ihrem Facebook-Profil. Gerhard fühlte sich zurückgelassen, mit hängenden Armen zuschauend, wie alle anderen in verschiedene Richtungen auseinanderliefen.“ (Seite 20)
Also bändelt er mit einer seiner Studentinnen an, sie bekommen eine Tochter und er wird Vogelschützer in der Unterleutner Halle, wo er im Allgemeinen über die 200 Hektar des Vogelschutzreservats Unterleuten wacht und im Speziellen 33 Kampfläufer, eine seltene Vogelart, beschützt. Neben dem Paar wohnt Bodo Schaller, der ehemalige Mann fürs Grobe von Gombrowski, mit dem das Paar einen Nachbarschaftsstreit anfängt. Hinzu kommen Kinder der benannten Protagonistinnen, Ehepartner, eine vermeintliche Geliebte und der Bürgermeister, Arne. Als Krons Enkelin verschwindet, eskaliert die Situation.
Da jedes Kapitel aus der Perspektive einer anderen Person verfasst wurde, erfährt die/der Leser*in von den Fehlannahmen der Anderen in Bezug auf ihre Gegenspieler*innen oder Verbündete. So ist zum Beispiel Gerhard Fließ ein ziemlich dummer Mensch, der selbst seine Frau nicht richtig einschätzen kann. Unterleuten ist die Dorfversion von „Games of Thrones“ und liest sich herrlich, auch weil Zeh so gut schreiben kann. Der letzte Satz im Buch lautet beispielsweise: „Draußen legt sich die frühe Nacht dem Dorf wie eine beruhigende Hand auf den Scheitel.“ (Seite 635)
Juli Zeh: Unterleuten, München 9. Auflage 2017.
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „Unterleuten“ von Juli Zeh
Inzwischen ist Jean-Philippe Kindler in der linken Szene und darüber hinaus eine bekannte Figur. Auf ihn gestoßen bin ich durch die Podcast-Empfehlung für „Nymphe & Söhne“, einen kurzweiligen Labber-Podcast, der auch davon lebt, dass Kritik und Unwohlsein mit Alltag, Geschlechter-Rollen aber auch eben Kritik an der linken Szene von allen drei Podcast-Beteiligten offen formuliert wird. Kindler hat aus seinen verschiedenen Kritikpunkten und einer allgemeinen Gesellschaftskritik das Buch „Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf“ geformt. Auf über 150 Seiten formuliert der Marxist in einer Art Essay diese Kritik. Für ihn besteht der zentrale Antagonismus in unserer Gesellschaft zwischen Ausbeutenden und Ausgebeuteten. Dass das nicht erkannt wird, führt er auf fehlendes Klassenbewusstsein zurück. Er selber schreibt: „Dieses Buch aber möchte den Kapitalismus aus dem Unbewusstsein ins Bewusstsein bringen und deutlich machen, dass es dieses gemeinsames Schicksal, welches sich ‚Ausbeutung‘ nennt, auch heute noch gibt.“ (Seite 23)
In seinem Buch formuliert Kindler immer wieder eine weitgehend solidarische Kritik an linken Positionen wie der Identitätspolitik. Damit hebt er sich wohltuend ab von der zynischen Kritik an dieser Politik oder der unkritischen Affirmation. Interessant ist sein Begriff der „Antipolitik“, womit der die vermeintliche Alternativlosigkeit bezeichnet, die allenthalben behauptet wird. Außerdem schreibt er von einer „Gesellschaft der Gesellschaftslosen“, also Menschen, die zwar in einer Gesellschaft leben, das aber ignorieren und stattdessen nur ihre individuelle Freiheiten ausleben.
Forderung nach einer Repolitisierung Kindler möchte „Armut repolitisieren!“. Deswegen wendet er sich gegen eine „Ideologie der Leistung“ und „verheiligte Gewissheiten“ wie das eine Schuldenbremse ökonomisch sinnvoll sei. Um die reaktionäre Kritik an Bürgergeld-Anhebungen zu dekonstruieren vergleicht er sie mit Erbschaften, die er zu Recht als leistungsloses Einkommen sieht. Kritisch sieht er auch den ideologischer Charakter des Ehrenamts, mit dem oft z.B. Armut abfedert wird. Es geht dabei nicht um eine Kritik an Ehrenamtlichen, sondern an der Funktion des Ehrenamtes. De facto werden nämlich sozialpolitische Leistungen in die Zivilgesellschaft ausgelagert. Nach seiner Beobachtung stehen Inflation und Schuldenmachen in keinem kausalen Verhältnis zueinander und das führt er überzeugend aus.
Der Autor will auch „Glück repolitisieren!“. In diesem Abschnitt kritisiert die ganzen mal, mehr mal weniger, esoterischen Selbstverbesserungs-Maßnahmen. So genanntes Glückscoaching ist für ihn nur Klassenkampf von oben, da es um eine Veränderung der Seele statt Veränderung der Umstände, die einen krank machen, geht. Auch das Gerede vom Bruttoinlandsglück analysiert er in diesem Zusammenhang als reaktionär. Denn Glück kann nicht definiert werden, da es ein situatives Gefühl ist. Kleine Anmerkung des Rezensenten: Das Fürstentum Bhutan gilt als Bruttoinlandsglück-Weltmeister. Bei de Artikeln darüber wird aber nie erwähnt dass die nepalesische Minderheit aus dem autokratisch regierten Land vertrieben wurde, und somit nicht befragt werden konnte. Möglicherweise ist das Glück im Bhutan nicht allen vorbehalten gewesen. Schlussendlich ist das Streben nach dem individuellen Glück laut Kindler vor allem ein Instrument der neoliberalen Ideologie der Eigenverantwortung. Kindler hinterfragt in diesem Zusammenhang ideologiekritisch die „groteske Verherrlichung von Achtsamkeit, Meditation und Yoga“. Ebenso entlarvt er, dass die neue Beschäftigung mit den eigenen Gefühlen und psychischen Dispositionen keineswegs zwingend eine Verbesserung gegenüber der überrationalen älteren Generation darstellen muss, sondern „auf eine bestimmte Weise kulturell fabriziert“ und „für den Kapitalismus nutzbar gemacht“ werden. Was Kindler allerdings bei seiner Kritik von Menschen mit ihren individuellen Bewältigungsstrategien nicht sieht ist, dass es durchaus Menschen gibt, die sehen und verstehen dass der Kapitalismus – oder das Patriarchat – an vielem Schuld ist, aber es trotzdem als aussichtsvoller ansehen, sich individuell zu helfen als das Glück in einer fernen, utopischen Gesellschaft abzuwarten. Das Ende des Kapitalismus oder des Patriarchats scheint so weit in der Ferne zu liegen, dass es unerreichbar aussieht. Das mag eine Kapitulation vor den Verhältnissen darstellen, ist aber menschlich verständlich. Jemand, die nach schlechten Erfahrungen mit Arbeit und mit Männern durch Meditation zur Ruhe findet, mag Kindler reaktionär vorkommen. Aber das abstrakte „irgendwann ist die Scheiße zu Ende“ scheint vielen als die unwahrscheinlichere Alternative. Bei manchen ist es somit nicht das fehlende Klassenbewusstsein, sondern ein Realismus, der zu individuellen Bewältigungsstrategien führt. Meditation, Yoga, Landkommune, Eigenheim etc. sind einfacher umzusetzen als Kapitalismus oder Patriarchat zu stürzen. Auch das Thema „bodypositivity“ hinterfragt er, weil er hier den spiegelbildlich verkehrten Schönheits-Wettbewerb in den sozialen Medien erkennt. Statt dem Wettbewerb um den schönsten Körper gibt es einen Wettbewerb darum, wer sich am besten mit seinem normalen Körper arrangiert. Der Körper bleibt dabei aber im Mittelpunkt des Interesses. Stattdessen empfiehlt Kindler weniger über Körper nachzudenken. Hier mag man aber einwenden dass die meisten Menschen über sexuelles Begehren und romantische Sehnsüchte verfügen und das die Erfüllung von beidem auch in Zusammenhang mit Attraktivität steht. Seinen Körper zu ignorieren bzw. nicht zu optimieren, kann also mit dazu führen dass man am Ende leer ausgeht. Natürlich gibt es noch viele andere Faktoren bei der Partnerin-Suche wie Humor, Charaktereigenschaften etc., aber es spielt eine Rolle. Den Faktor Aussehen oder Körper bei der Partnerin-Wahl kann man weder durch ignorieren noch durch bodypositivity einfach zum Verschwinden bringen. Allerdings reichen schöne Körper alleine nur in asymmetrischen, oberflächlichen oder kurzen Beziehungen aus.
Weiter fordert er die „Klimakrise [zu] repolitisieren!“. In diesem Zusammenhang plädiert er für eine „wohlüberlegte Verbotspolitik“ und kritisiert die Verteidigung des Diesels sei nicht Freiheitskampf sondern Quengeligkeit.
Auch die „Demokratie [will er] repolitisieren!“. Derzeit gelte: „Liberale Demokratie ist Kapitalismus plus Wahlen, mehr nicht!“ (Seite 99) Er verweist u.a. auf Statistiken, nach denen Arme weniger wählen. Damit seien demokratische Wahlen gar nicht so demokratisch wie oft behauptet.
Außerdem will er noch das „Linkssein repolitisieren!“. Er äußert sich in diesem Zusammenhang auch zu dem Thema Identitätspolitik. Diese lehnt er nicht grundsätzlich ab, kritisiert aber das durch Betroffenheit eine absolute politische Deutungshoheit eingefordert wird bzw. Widerspruch damit nicht geduldet wird: „Allzu häufig passiert es mittlerweile in linken Diskussionen, dass Betroffenheit von Diskriminierung gleichgesetzt wird mit einer absoluten Deutungshoheit über politisch zu verhandelnde Sachfragen.“ (Seite 123) Er führt aus: „Und an dieser Stelle werden Diskurse dann aus meiner Sicht recht eindeutig autoritär. Es geht häufig nicht mehr um den Austausch von Argumenten auf Augenhöhe, sondern um die Forderung politischer Bußfertigkeit in einem quasireligiösen Sinne. Der weiße Cis-Mann gilt als Bevorzugter eines patriarchal-rassistischen Systems per se als Mittäter und hat jene Täterschaft durch bedingungslose inhaltliche Unterstützung langsam abzutragen. Dass der weiße Cis-Mann bevorzugt, leugnet niemand mit Verstand. Dass bedingungslose Solidarität mit denen, die tagtäglich innerhalb des Systems unterdrückt werden, unabdingbar ist, leugnet niemand mit Empathie. Aber die in der Critical-Whiteness-Theorie oft mitschwingende Forderung nach antirassistischer Selbstbereinigung der Annahme folgend, dass Menschen sich ihr internalisiertes Weißsein erst einmal abtrainieren müssten, ist kein Naturgesetz oder unumstößlicher Fakt, sondern eine politische Auffassung, die man kritisieren darf. Wird die Kritik an jenem Menschenbild aber gleichgesetzt mit dem Entzug von Solidarität mit von von Diskriminierung betroffenen Menschen ist die Forderung eben nicht ‚Verbündetenschaft‘, sondern ganz eindeutig ‚Gefolgschaft‘. Solidarität ist hier nicht hierarchiefrei, sondern als Treueverhältnis konzipiert: Ich bin erst solidarisch, wenn ich den Argumenten meines Gegenübers nicht auf eine solche Weise infantilisieren und mute ihm dementsprechend Widerspruch zu.“ (Mitte, 125-126) Polemisch wie treffend resümiert er über den Zustand der Linken in Deutschland: „Von dieser deutschen Linken ist nun wirklich keinerlei revolutionäres Potenzial zu erwarten, da man im alternativen Zentrum verlässlich an der eigenen politischen Verlotterung arbeitet.“ (Seite 134)
Er endet in seinem Buch damit „Das gute Leben [zu] repolitisieren!“. In diesem Abschnitt bewertet er auch die HookUp-Kultur kritisch, die versucht jenseits von Verpflichtungen, durch Spaß „Erlebnistrophäen“, wie er es nennt, zu sammeln. Er fordert am Ende seiner Betrachtungen: „politische Gefühle gehören weder unterdrückt noch verheiligt“. (Seite 127)
In seiner Kritik ist Kindler radikal, aber in den Handlungsvorschlägen eher realpolitisch, etwa wenn er eine Aussetzung der Schuldenbremse vorschlägt. Hier ist deutlich der Staat sein angesteuertes Instrument. Trotz einiger staatskritischer Töne im Buch scheint die Staatskritik eher ein blinder Fleck im Buch zu sein. Indirekt liest man aus dem Buch, dass für Kindler der Staat eine Verteilungsmaschine darstellen sollte. Das der Staat Nationalismus, Hierarchien und institutionelle Gewalt beständig produziert geht so unter. Außerdem scheint auch er zu einer Kapitalismus-ist-der-Hauptwiderspruch-Analyse zu neigen. So warnt er etwa vor einem diversen Kapitalismus, aber nicht vor einem antikapitalistischen Sexismus. Am Buchende gibt es noch einen Handlungsvorschlag, wenn er von einem „Generalbestreikung gesellschaftlich wichtiger Branchen und Lebensbereiche“ (Seite 145) schreibt.
Das Buch ist ein erfrischender Zuruf an Linke mehr zu tun und eine gute Kritik an den herrschenden Zuständen. Ich werde es in Zukunft in meinem Freundeskreis verleihen und verschenken.
Jean-Philipp Kindler: Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf. Eine neue Kapitalismuskritik. Rowohlt, 2023.
Veröffentlicht unterAllgemein|Kommentare deaktiviert für Buchkritik „Scheiß auf Selflove, gib mir Klassenkampf“ von Jean-Philippe Kindler