
Noch ein Buch über den Israel-Palästina-Konflikt? Ja, aber „Muscheln am Strand von Gaza“ ist die Autobiografie eines Palästinensers, der im Gaza-Streifen aufgewachsen und vor der Hamas geflohen ist. Das Besondere an dem Buch ist, dass der Autor ungeteilt für die Betroffenen des Konflikts Partei ergreift und sich konsequent einer nationalistischen Lesart verweigert. Davon zeugt bereits die Widmung des Buchs:
„Für die Opfer des 7. Oktober
und des Krieges in Gaza“
Hamza Howidy entstammt einer säkularen, wohlhabenden Familie. Sein Vater war ein hoher Beamter. Aufgewachsen ist er unter der Hamas-Herrschaft, die eine islamistische Diktatur darstellte:
„Die Hamas verwandelte Gaza in einen Ort der Angst und benutzte die Religion, um die Taten zu rechtfertigen.“ (Seite 13)
Gleichzeitig stellt die Hamas-Herrschaft auch eine Oligarchie dar:
„Diejenigen, die der Hamas nahestanden, bekamen Autos, gut bezahlte Jobs und eine Vorzugsbehandlung, die nichts mit ihren Qualifikationen oder Leistungen zu tun hatte.“
(Seite 65-66)
Der Gazastreifen befindet sich in der Geiselhaft der Hamas, die u.a. viel Energie auf den Aufbau ihres Tunnel-Systems aufwendet:
„Denn jeder weiß zwar von den Tunneln, die die Hamas wie ein riesiges Spinnennetz unter dem gesamten Gazastreifen angelegt hat, aber die Mehrheit der Menschen hat keine Ahnung, wo genau sie verlaufen, dafür sorgte die Hamas.“ (Seite 24)
Er beschreibt wie stark die Indoktrination war. Zuerst in einer religiösen Schule, wohin er von seiner Familie geschickt wurde, weil sie als besser war. Diese Schule stand der Hamas nahe. Später kommt er auf eine normale Schule, die eher nationalistisch indoktriniert.
Doch Howidy findet heraus aus diesen Prägungen und vollzieht einen Akt der Selbstemanzipation. Beeinflusst von Internet-Beiträgen fällt er vom Glauben ab und wird Agnostiker.
„Für die meisten Menschen in Gaza waren solche Inhalte tief beleidigend und blasphemisch. Für mich waren sie wie Sauerstoff in einer Umgebung, in der ich kaum atmen konnte.“ (Seite 60)
Auch jenseits der direkten Hamas-Herrschaft beschreibt der Autor die Gesellschaft im Gaza-Streifen als streng konservativ und autoritär. So setzen z.B. sowohl die Lehrer als auch sein Vater setzen Schläge als Strafe ein.
Beeinflusst wird er durch seine Mutter, wie er erst im Rückblick erkennt. Diese beschreibt er als Rebellin, weil sie nach den Prügelattacken auf ihr Kind ihren Mann verlässt.
Beeinflusst durch libertäre Einflüsse schließt der Autor sich der Oppositions-Bewegung „Wir wollen leben“ im März 2019 an.
„Hoffnung. Gemischt allerdings mit ebenso großer Angst. Wir hatten gesehen, was die Hamas mit Andersdenkenden machte. Regelmäßig wurden Menschen wegen eines Facebook-Posts verhaftet und gefoltert. Jetzt sprachen wir davon, auf der Straße gegen sie zu protestieren.“ (Seite 63)
Die Hamas greift hart durch. Es werden 1.000 Menschen verhaftet und viele davon grausam gefoltert. Auch Howidy. Schließlich kommt er mittels Bestechungen und dem Einfluss seiner Familie wieder frei.
Die ausbleibenden internationalen Reaktionen auf die Menschenrechtsverletzungen empören ihn:
„Die internationale Gemeinschaft, die von sich behauptete, für die Rechte der Palästinenser einzutreten, unternahm nichts, als wir von unserer eigenen Regierung gefoltert wurden.“ (Seite 85)
Allerdings ist die Bewegung gegen die Hamas nicht gegen Gewalt, was er kritisch sieht:
„Sie wollten säkulare, nationalistische Gewalt statt religiöser Gewalt, als ob das besser wäre.“ (Seite 139)
Doch nicht nur die Hamas ist eine ständige Gefahr, auch israelische Militäreinsätze, die auch viele Unbeteiligte verletzen und töten:
„In Gaza bist du dem Tod in jedem Moment näher, als du denkst, völlig unabhängig davon, wie du zur Hamas stehst.“ (Seite 124)
Auch an den Protesten im Mai 2023 nahm er teil. Doch auch diese werden zerschlagen und er wird erneut gefoltert. Nachdem er frei kommt flieht er im August 2023 über Ägypten in die Türkei und von dort nach Griechenland. Am 7. Oktober 2023 kommt es dann zu dem wahnwitzigen Angriff der Hamas auf den Süden Israels. Er beschreibt wie viele Geflüchtete das Massaker in einem Lager auf Samos feiern. Ein Fiebertraum. Er und einige andere halten sich fern.
Er beginnt in Griechenland sich auf Social Media kritisch zur Hamas zu äußern und wird von Hamas-Sympathisanten bedroht und von vielen als „zionistischer Agent“ angefeindet, auch weil er die Freilassung der israelischen Geiseln fordert.
Auf Social Media und im Buch und prangert Howidy auch immer wieder die doppelten Standards der propalästinensischen Bewegung an:
„Wie wenig zählen palästinensische Menschenrechte, wenn sie von jemandem verletzt werden, der kein Israeli ist.“ (Seite 143)
Schließlich landet er in Deutschland. Hier steht er zwischen allen Stühlen, wie er selber schreibt:
„Denn die Spannungen zwischen der proisraelischen und der propalästinensischen Seite sind in Deutschland enorm, und ich stehe genau dazwischen. […] Meinen Weg durch das deutsche Diskursdickicht zu finden, ist zu einer Herausforderung der ganz besondere Art geworden.“
(Seite 201)
Das Sympathische ist, dass sich Howidy immer wieder selbst hinterfragt, auch auf Grund von einer veränderten Situation. Angesichts der Verwüstungen durch die israelische Armee im Gazastreifen beschließt er auch mehr das Vorgehen Israels mehr zu verurteilen. Viele seiner Freund*innen und Bekannten sind durch Israels Angriffe gestorben.
Er plädiert für eine ungeteilte Empathie jenseits nationalistischer Narrative. Am Ende seines Buchs schreibt er:
„Als Palästinenser in Auschwitz verstand ich: Das Leid anderer anzuerkennen bedeutet nicht, das eigene Leid zu leugnen.“ (Seite 227)
Damit ist er sehr viel fortschrittlicher als viele westlichen Linken.
Dieses Buch ist eine dringende Leseempfehlung an alle. Wirklich alle. Besonders aber an die Teile der Palästina-Solidaritäts-Bewegung, die einem Erlösungs-Antizionismus frönen, der keinen Platz für Koexistenz, Versöhnung und Frieden lässt. Für diejenigen, die den 7. Oktober als Befreiungsschlag feierten. Genauso aber an diejenigen linken Israel-Freund*innen, denen das massenhafte Leid der Palästinenser*innen immer nur einen Halbsatz wert ist oder die nur „Free Gaza from Hamas“-Sticker verkleben, aber die Forderung „Free Gaza from IDF“ nicht aufstellen.
Hamza Howidy: Muscheln am Strand von Gaza, Frankfurt/Main 2026